Müßiggang – warum wir wieder lernen dürfen, nichts zu müssen

Eine Freundin sagte vor vielen Jahren einmal zu mir: „Wenn mir alles zu viel wird, setze ich mich einfach hin und schaue blöd.“ Damals wusste ich noch nicht, dass es für genau diese Art des Nichtstuns ein wunderschönes altes Wort gibt: Müßiggang. Sie macht dann tatsächlich nichts weiter. Kein Handy, kein Buch, keine Beschäftigung und auch keinen Versuch, die Zeit sinnvoll zu nutzen. Sie sitzt einfach da und schaut.

Dieser Satz ist mir geblieben, und im Laufe der Jahre habe ich mir dieses „einfach hinsetzen und blöd schauen“ selbst immer wieder erlaubt. Als mir vor kurzem das Wort Müßiggang begegnete, musste ich deshalb sofort an sie denken. Denn genau das beschreibt es für mich: nichts leisten, nichts erreichen und nichts aus diesem Augenblick machen müssen.

Müßiggang – ein beinahe vergessenes Wort

Müßiggang klingt heute ein wenig aus der Zeit gefallen. Gleichzeitig beschreibt das Wort etwas, das in unserem Leben immer weniger Raum bekommt. Lange hatte es keinen besonders guten Ruf. „Müßiggang ist aller Laster Anfang“ – schon dieses alte Sprichwort zeigt, wie stark Nichtstun über Generationen hinweg mit Faulheit, Untätigkeit oder mangelnder Disziplin verbunden wurde.

Dabei ist Müßiggang nicht dasselbe wie Faulheit. Es geht nicht darum, etwas nicht zu erledigen, obwohl es getan werden müsste. Vielmehr bedeutet Müßiggang, Zeit ohne Zweck zu verbringen. Es muss nichts entstehen, kein Ergebnis vorliegen und keine Verbesserung stattfinden. Gerade diese Form des Nichtstuns ist uns zunehmend fremd geworden.

Selbst unsere Pausen sollen heute etwas leisten

Wir leben in einer Zeit, in der beinahe alles einen Nutzen haben soll. So gehen wir spazieren und zählen dabei unsere Schritte. Wir meditieren, um gelassener zu werden, schlafen ausreichend, damit wir leistungsfähig bleiben, und lesen Bücher, um uns weiterzuentwickeln. Außerdem machen wir Yoga für unsere Beweglichkeit, Atemübungen für unser Nervensystem und Selbstfürsorge, damit wir anschließend wieder mehr Kraft haben.

Gegen all das ist nichts einzuwenden. Problematisch wird es jedoch dort, wo selbst unsere Erholung zu einem weiteren Projekt wird. Sobald auch das Nichtstun einen Zweck erfüllen muss, verwandelt sich die Pause in eine weitere Form der Selbstoptimierung.

Genau deshalb stellt sich für mich eine entscheidende Frage: Wann tun wir etwas, das zu nichts führen muss?

Wir haben verlernt, Zeit nicht rechtfertigen zu müssen

Es fehlt uns nicht zwingend an freier Zeit. Vielmehr haben wir verlernt, diese Zeit nicht rechtfertigen zu müssen. Kaum sitzen wir einmal untätig da, taucht häufig schon der nächste Gedanke auf: Ich müsste eigentlich noch … Oder wir ziehen am Abend Bilanz und denken: Heute habe ich gar nichts geschafft.

Dadurch entsteht schnell der Eindruck, ein Tag sei erst dann ein guter Tag, wenn wir am Ende etwas vorweisen können: eine erledigte Liste, ein aufgeräumtes Zuhause, ein Training, eine Weiterbildung oder irgendein anderes sichtbares Ergebnis. Doch seit wann muss jede Stunde unseres Lebens produktiv sein, damit sie wertvoll ist?

Einer der stillen Glaubenssätze unserer Zeit lautet: Ein guter Tag ist ein produktiver Tag. Gleichzeitig gilt ein Mensch, der viel schafft, schnell als besonders diszipliniert, erfolgreich oder wertvoll. Doch damit vermischen wir zwei Dinge, die voneinander getrennt gehören: unsere Leistung und unseren persönlichen Wert.

Müßiggang und Selbstwert

Genau an diesem Punkt wird Müßiggang für mich zu weit mehr als einer angenehmen Pause. Denn er berührt unmittelbar unseren Selbstwert. Wenn mein Wert nicht davon abhängt, was ich leiste, muss auch meine Zeit nicht ständig etwas hervorbringen.

Ich bin schon genug.

Deshalb muss ich mich nicht in jeder freien Minute verbessern und auch nicht ständig an mir arbeiten. Weder muss ich immer bewusster und gelassener werden noch erfolgreicher, gesünder oder ausgeglichener. Selbst meine Erholung braucht kein Optimierungsprogramm.

Es darf Augenblicke geben, in denen ich nichts aus mir machen muss. Das bedeutet weder, dass ich aufgegeben habe, noch dass ich keine Ziele mehr verfolgen darf. Mein Wert ist bereits da – unabhängig davon, was ich gerade tue oder nicht tue.

Selbstwert beginnt dort, wo ich aufhöre, mich ständig verbessern zu müssen.

Entwicklung gehört zum Leben. Dennoch macht es einen großen Unterschied, aus welchem inneren Ausgangspunkt heraus sie entsteht. Entwickle ich mich, weil ich glaube, noch nicht gut genug zu sein? Oder entsteht Veränderung aus Interesse, Freude und echter Neugier? Ich darf wachsen und mich verändern, ohne daraus den Auftrag abzuleiten, dadurch wertvoller werden zu müssen.

Genau darin liegt für mich auch der Unterschied zwischen Selbstfürsorge und Selbstoptimierung. Selbstoptimierung fragt: Wie kann ich noch besser werden? Müßiggang stellt diese Frage gar nicht. Stattdessen erlaubt er mir, für einen Moment aufzuhören, mich selbst als ein Projekt zu betrachten.

Müßiggang lässt sich nicht optimieren

Das Schöne daran ist, dass Müßiggang weder eine Methode noch eine Anleitung braucht. Sobald wir daraus ein festes Programm machen – jeden Tag zehn Minuten Müßiggang, selbstverständlich im Kalender eingetragen –, befinden wir uns schon wieder mitten in der Optimierung.

Es reicht, sich hinzusetzen und zu schauen. Gedanken dürfen kommen und wieder gehen, ohne dass etwas daraus entstehen muss. Ebenso wenig müssen wir anschließend überprüfen, ob diese Minuten gesund waren, unser Nervensystem reguliert haben oder unsere Konzentration verbessert wurde.

Einfach da sein.

Gerade deshalb hat Müßiggang heute beinahe etwas Widerständiges. Während uns an vielen Stellen vermittelt wird, wir könnten immer noch etwas mehr aus uns machen, erinnert er uns daran, dass wir nicht jede Minute unseres Lebens verwerten müssen.

Zeit, die nichts beweisen muss

Wir brauchen keine weitere Aufgabe auf unserer Liste und auch keine neue Form der Selbstfürsorge, die wir möglichst konsequent umsetzen sollen. Stattdessen brauchen wir wieder die Erlaubnis, Zeit zu haben, die nichts beweisen muss.

Es darf Zeit geben, in der nichts entsteht und die keinem Ziel dient. Ebenso darf es Momente geben, die einfach da sind, ohne dass wir anschließend einen Nutzen daraus ziehen müssen.

Müßiggang ist keine verlorene Zeit. Er ist jene Zeit, in der wir aufhören, unseren Wert beweisen zu wollen.

Und genau deshalb dürfen wir uns wieder öfter einfach hinsetzen und ein bisschen „blöd schauen“.


Unseren eigenen Wert nicht ständig an Leistung zu knüpfen, verändert auch den Blick auf uns selbst. Genau darum geht es auch in meinem Blogbeitrag „Mit den Augen der Liebe sehen“.

Zum Blogbeitrag „Mit den Augen der Liebe sehen“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert